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Anna Koschinski
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So nicht: Verständlichkeit ist beim Texten fürs Web extrem wichtig.

Für mehr Verständlichkeit: Stoppt Nominalisierungen!!!

14. Juli 2015/0 Kommentare/in besser schreiben/von Anna Koschinski

Was passiert da in unserer Welt? Da, wo alles einfacher, intuitiver, bedienungsfreundlicher werden soll, machen wir in punkto Sprache offensichtlich Rückschritte. In den letzten Wochen häufen sich in meinem Umfeld sprachliche „Unfälle“. Und ich frage mich langsam aber sicher: Wollt ihr nicht verstanden werden?

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Nominalisierungen sind oft nicht die beste Wahl, wenn es um Verständlichkeit geht.Ist das wirklich die beste Art, um auszudrücken, dass man in dem Laden mit Karte zahlen kann? Mal abgesehen von dem miesen „Satzbau“ erscheint mir das Wort „Akzeptanz“ hier als Super-Gau in Sachen Verständlichkeit. Es gibt scheinbar viele Menschen, die glauben, eine Nominalisierung höre (oder lese) sich offizieller oder schöner an. Dabei verkompliziert sie alles und ist damit nur in einem sehr begrenzten Rahmen sinnvoll. Gerade unsere Alltagskommunikation ist in allen Bereichen sehr, sehr mündlich. Und das aus gutem Grund: Wenn wir schnell verstanden werden wollen (und müssen – mündliche Kommunikation ist nämlich sehr flüchtig), dann geht das am besten mit einer präzisen, einfachen Sprache. Ich kenne niemanden, der in seiner Alltagskommunikation vermehrt Nominalisierungen einsetzt und trotzdem finden sich diese sperrigen Ausdrücke häufig in (offiziellen) „Verlautbarungen“.

Gleich doppelt daneben: moBiel

Das Bielefelder Verkehrsunternehmen moBiel macht gleich in mehrfacher Hinsicht eine schlechte Figur. Ich würde sagen, sie machen sogar Rückschritte. Die Uni Bielefeld wird derzeit von Grund auf saniert und modernisiert. Weil sie aber ein riesiger Bau ist, passiert das in mehreren Abschnitten. Die Arbeiten am ersten Bauabschnitt laufen seit diesem Semester und sie zwingen die Studis dazu, einen anderen Eingang ins Gebäude zu nehmen. Der schnellste Weg würde ab jetzt über die Bahngleise bzw. den Bahnübergang führen. Die Uni und moBiel wollen dort aber keine massenhaften Überquerungen riskieren und haben diesen Weg abgesperrt. Darauf macht moBiel mit einer Ansage schon in den Stadtbahnen aufmerksam. Schön und gut – dann sind wenigstens alle informiert und müssen nicht umkehren weil sie einen falschen Weg genommen haben. Zunächst war die Ansage auch mehr oder weniger sinnvoll und freundlich:

Liebe Fahrgäste! Um in die Uni zu kommen, nutzen Sie bitte weiterhin die Treppen und die Brücke.

Ist doch mal ne Ansage. Zumal sich alles andere erschließt – ist ja abgesperrt. Mit rot-weißem Absperrband. Aber moBiel war das offenbar nicht genug, denn nach ein paar Wochen wurde die Ansage geändert. Und das nicht zu ihrem Vorteil. Verschlimmbesserung nennt man das wohl:

Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund der Sperrung des Fußgängerüberwegs bitten wir Sie aus Sicherheitsgründen, die Treppen und die Brücke zu nutzen, um zur Universität zu kommen.

Als ich diese Ansage das erste Mal gehört habe, musste ich fast lachen. Wer formuliert denn bitte so einen komplizierten und unnötig aufgeblasenen Text? Was war falsch an der ersten Version? Dass die „Sicherheitsgründe“ nicht erwähnt wurden? Oder dass man unbedingt auf die (sehr sichtbare!) „Sperrung“ verweisen wollte? Und wenn man schon die sperrigen Ausdrücke verwenden muss – warum dann nicht wenigstens das Ganze in mehreren Sätzen verpacken? Nein, dann lieber mehr Nebensätze und einen Genitiv dazu packen – da waren definitiv Experten am Werk. Fehlt eigentlich nur noch ein Hinweis auf die „Modernisierung des Hauptgebäudes der Universität“ – aber vielleicht wäre die Ansage dann zu lang geworden. Oder sie sind auf diese grandiose Kopplung von Nominalisierung und gleich zwei (!) Genitiven nicht gekommen. Verständlichkeit: Fehlanzeige.

Die Verständlichkeit eines Textes hängt nicht nur von der Satzlänge, sondern auch von der Wortwahl ab.

Wer textet diese verqueren Ansagen?

Zweifelsohne ist diese Ansage korrekt – mehr aber auch nicht. Von verständlich ist sie jedenfalls weit entfernt. Und es bleibt die Frage: Haben die denn niemanden in diesem Unternehmen, der sich mit Sprache auskennt? Oder möchte man am Ende gar nicht verstanden werden? Vielleicht gibt es irgendwelche Ausdrücke, die sie da aus rechtlichen Gründen reinschreiben müssen. Aber selbst wenn, müssten sie da bei moBiel dann nicht erst Recht Wert darauf legen, den Rest einfach und verständlich zu halten? Das, was das Hamburger Verständlichkeitskonzept aus Texten macht, ist vielleicht wirklich ein bisschen übertrieben. Gerade dann, wenn es an Baby-Sprache erinnert. Trotzdem gibt es eine Reihe von Kriterien, die Texte verständlicher, also besser machen. Und damit auch Ansagen von moBiel. Selbst wer sich nur die Konversationsmaximen von Paul Grice zu Gemüte führt, der wird besser schreiben oder sprechen.

Ja, ich gebe zu, ich bin ein Fan der Klassiker. Gerade wenn es um Verständigungssicherung oder Verständlichkeit geht. Ich finde, man darf nicht außer Acht lassen, dass jede Forschung eine Geschichte hat. Es gibt aber auch nach den 70ern noch Forschung zum Thema Verständlichkeit, z.B. von Susanne Göpferich (2001): „Von Hamburg nach Karlsruhe: Ein kommunikationsorientierter Bezugsrahmen zur Bewertung der Verständlichkeit von Texten.“ In: Fachsprache/International Journal of LSP 3-4 (2001): 117-138. Für mein folgendes Beispiel kam dieser Text vermutlich viel zu spät – trotzdem, oder gerade deshalb, mag ich es der Welt nicht vorenthalten:

 

Ein Fundstück, das für die Nachwelt erhalten bleiben muss

Ich hatte ja schon erwähnt, dass die Uni modernisiert wird. Aber auch das angrenzende Oberstufen-Kolleg wird umgebaut, jedenfalls soll wohl die Mensa erweitert werden. Das wiederum zwang den Radtschlag, die Selbsthilfe-Fahrrad-Werkstatt der Uni, dazu, umzuziehen. Man sieht: Hier passiert gerade sehr viel. Bevor nun aber im Zuge der Bauarbeiten ein wichtiges Kleinod der komplizierten Kommunikation vernichtet werden konnte, habe ich es für die Nachwelt dokumentiert. Naja, die Jungs vom Radtschlag haben es mir sogar geschenkt – ein Highlight an diesem Tag.

Misslungene Verständlichkeit auf der ganzen Linie. Ein Parade-Beispiel für misslungene Verständlichkeit. Dieser Hinweis hing dort in der Fahrrad-Werkstatt vermutlich schon viele Jahre. Das ist allerdings in meinen Augen keine Entschuldigung für miesen Stil. Allein schon die Überschrift ist doch nicht mehr als ein Witz – und das obwohl es hier um Brandschutz geht. Nominalisierungen, Passivkonstruktionen, lange Sätze, Klammern, selbstverständlich Genitive und dann auch noch Rechtschreib- oder Tippfehler. Ja, hier hat sich jemand besondere Mühe gegeben. Aufmerksamkeit erregt dieser Text nur dadurch, dass er so mies ist. Aber auch hier stelle ich mir wieder die Frage: Ist das Absicht? So etwas kann doch niemand schreiben, der verstanden werden möchte! Es ist doch nun wirklich nicht nötig, Aussagen unnötig zu verkomplizieren.

10 Regeln für einen verständlichen Text

  1. Das Wichtigste zuerst: Kernaussage immer an den Anfang des Textes!
  2. Logischer Aufbau: Text gliedern, Information portionieren
  3. Kurze Sätze, einfacher Satzbau
  4. Verben nach vorn: Nicht am Ende des Satzes verstecken!
  5. Aktiv statt Passiv
  6. Nominalstil vermeiden
  7. Phrasen vermeiden, dafür bildhafte Sprache
  8. Ein Satz, eine Botschaft (oder wie es einer meiner Coaches mal ausdrückte: Ein Gedanke reicht für einen Satz!)
  9. Zusammenfassungen und Listen schaffen einen Überblick und bleiben im Gedächtnis
  10. Und die goldenste aller Regeln: So viel wie nötig, so wenig wie möglich! (Da sind wir dann wieder bei Paul Grice)

Gar nicht so schwierig, oder? Die Verständlichkeit zu  verbessern ist ein Projekt, das auf vielen Ebenen sichtbar wird. Ich gebe zu: Es gibt Gebiete, in denen es eine gewisse literarische Freiheit gibt. Das hängt dann auch wieder mit dem Thema Stil und „persönliche Schreibe“ zusammen. Aber da, wo Verständigung und Information die einzigen Ziele der Kommunikation sind, da möchte ich gerne eine präzise, unschnörkelige Sprache. Ich möchte Verständlichkeit in Wort und Schrift. Hat doch auch nur Vorteile: Der Sender muss die Texte nicht unnötig aufblasen und der Rezipient muss sie nicht umständlich entschlüsseln. Daher hier mein Aufruf: Stoppt Nominalisierungen! Vereinzelt bereichern sie einen Text, aber gehäuft sind sie einfach nur lästig.

Sind dir auch schon solche „Verfehlungen“ aufgefallen?

Kennst du ähnliche Beispiele für einen katastrophalen Umgang mit der deutschen Sprache? Oder findest du das alles gar nicht so schlimm? Was stört die Verständlichkeit eines Textes am meisten? Mich würden deine Erfahrungen zum Thema Nominalisierungen sehr interessieren!

 

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Gute Texte schreiben bedeutet, auf Lesbarkeit und Verständlichkeit zu achten.

Schlagworte: Ausdruck, Bielefeld, Formulierung, Kommunikation, Lesbarkeit, Nominalisierung, ÖPNV, Sprache, Sprechen, Stil, Umgangston, Verständlichkeit
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