Doch, du darfst dir Sorgen machen! Über die Angst in der Unsicherheit

Ich habe Angst. Dabei habe ich nie Angst, denn es lohnt sich nicht. Es lohnt sich nicht, vor etwas Angst zu haben, das nur möglicherweise vielleicht eventuell eintritt. Aber ich habe Angst. Vor einem weiteren Winter mit (zeitweisem) Homeschooling, vor weiteren Projekten, die ich nicht erledigen kann, einfach weil mir die Zeit und die Energie fehlen. Ich bin so müde. Und ich fühle mich wirklich verloren, denn mein Handlungsspielraum scheint immer kleiner zu werden. Das ist die wahre Angst dahinter. Ich habe keinen Raum mehr, kann nicht gestalten, nur noch reagieren. Das ist aber kein Leben, das ist Hamsterrad erster Ordnung.

Am 31. August endete der Zeitraum für die Rückmeldung an der Uni. Und ja, ich habe den Semesterbeitrag fürs Wintersemester überwiesen, mich nochmal zurückgemeldet für dieses Masterstudium. Dabei weiß ich (eigentlich), dass ich nicht studieren werde. Denn es gibt so viele andere Dinge, die erledigt werden wollen. Das stimmt mich nicht gerade fröhlich.

Sowieso macht es nicht glücklich, Projekte zuzusagen, die dann aber einfach zu viel sind. Meine eigenen, aber auch Kundenprojekte. Im Frühjahr 2020 habe ich mehrere Aufträge verloren, weil ich sie einfach nicht bearbeiten konnte.

Ich habe drüben auf FB bereits darüber geschrieben, wie es ist, die fünffache Arbeit in einem Bruchteil an Zeit erledigen zu müssen.

Komm mir jetzt nicht mit Morgenroutine!

Ich hasse Social Media in solchen Zeiten. Denn ich hasse die ganzen schöne-Welt-Erzählungen:

„Ich hatte Stress. Dann habe ich mich auf das Wesentliche konzentriert und mache jetzt wieder meine tägliche Morgenroutine. Seitdem bin ich wieder in meiner Mitte und alles läuft wie von selbst.“


Echt jetzt? Mich macht das sehr müde und auch ärgerlich. Denn es impliziert, dass die äußeren Umstände EGAL seien. Dass man nur das passende Mindset bräuchte und schon läuft das Leben wie von selbst. Diese Idee von Leben finde ich schon lange befremdlich. Aber in Zeiten von Corona stößt sie mir besonders auf. Denn dieses elendige Ausspielen von Menschen in verschiedenen Lebenssituationen ist für mich kaum zu ertragen.

Schon im April 2020 habe ich diese Beobachtungen drüben auf FB beschrieben.

Wir sind nicht alle gleich. Erhebt euch nicht über andere. Seht die anderen und erkennt sie an. Erkennt ihre Probleme und ihren Kampf an. Darum möchte ich heute noch einmal bitten.

Ich darf müde sein. Ich darf angestrengt sein. UND ICH DARF DAS SAGEN!

Denn diese Einstellung wurde mir vor ein paar Wochen wieder um die Ohren gehauen. Und ich blieb erstmal sprachlos, weil ich so erstaunt war. Sprachlos quasi.

Aber ich möchte es noch einmal ansprechen, weil es mich ärgert. Ich habe Angst. Angst vor mangelndem Handlungsspielraum. Das ist mehr als ein mulmiges Gefühl. Das macht etwas mit mir.

Es ist die logische Folge aus meinen Erlebnissen des vergangenen Jahres. Die Folge aus einer sehr langen Zeit am Maximum. Ohne Pausen. Ja, ich breche hier nicht zusammen, das kann ich mir auch nicht leisten. Und ja, anderen geht es schlechter, ganz sicher sogar. Aber darf ich deswegen keine Sorgen haben? Ich hatte mir auf Twitter Sorgen gemacht und das war wohl nicht „richtig“:


Also. Ich soll mir eine Scheibe abschneiden von der Lebensfreude und vom Humor der Italienerin aus dem Café in Fuerteventura. Nicht so viel rummeckern. Nicht jammern. Schließlich hat die Italienerin ja auch gute Laune. Ernsthaft?!

Ja, ich bin privilegiert. Ja, ich habe es gut. Aber verdammt nochmal: Ich bin am Ende mit meiner Kraft. Und die Perspektive auf einen Winter wie den vergangenen macht mich ängstlich, nicht fröhlich. Da gerät meine Lebensfreude mal in den Hintergrund.

Sorgen alle unbegründet?

Und es ist nicht nur die Müdigkeit, die mangelnde Planungssicherheit und das Erinnern, wie das im vergangenen Jahr so war. Es ist auch die Sorge um ein 7-jähriges Kind, das niemand sieht. Denn wie sehr ich auch daran glaube, dass Junior eine Infektion gut überstehen wird (ich sage wird, denn jeder wird es bekommen und er kann nicht geimpft werden), so kann ich nicht darüber hinwegsehen, dass es so etwas wie Long Covid gibt.

Und ich möchte nicht, dass sich mein Sohn jahrelang mit den Spätfolgen einer Erkrankung herumschlagen muss, die vermeidbar gewesen wäre, wenn wir hier im Laschet-regierten NRW nicht schon so lange auf Durchseuchung der Kleinsten setzen würden.

Schulpflicht vor allem anderen, na klar. Anwesenheitspflicht. Volle Klassenstärke. Und überall werden Maßnahmen zurückgeschraubt, selbst an der Maskenpflicht sägen sie.

Darf man da kein mulmiges Gefühl haben? Bei aller Statistik? denn klar, vermutlich läuft eine Infektion harmlos ab. Aber was, wenn mein Kind der Pechvogel unter den tausend anderen ist? Was dann? Es scheint ja eher so Glückssache zu sein, wie man an dem Virus erkrankt. Gesunde, vorerkrankte, sportliche, unsportliche – es gibt offenbar keine Kriterien, keine Sicherheit. Und diese Unsicherheit macht zusätzlich etwas.

UND DAS DARF ICH FÜHLEN. UND SAGEN! Egal was die lebensfrohe Italienerin macht.

Ich kann alles managen. Aber es ist anstrengend

Meine Sorgen gehen nicht weg, bloß weil andere diese Sorgen nicht haben. Meine Sorgen gehen auch nicht weg, weil ich mir sage, dass sie weggehen sollen.

Daher bitte: Hört auf, euch über andere zu erheben. Es darf alles sein. Selbst diese (für mich) wirren Ängste der „Querdenker“-Fraktion dürfen sein. Ich verstehe sie nicht und ich weiß nicht, wie man so etwas glauben kann. Aber ihnen ihre Meinung und Gefühle abzusprechen, ist der falsche Weg. Sie als „falsch“ hinzustellen, als „dumm“. Sie glauben an diese Realität. Warum auch immer.

Macht den einen Schritt mehr und versucht den Perspektivwechsel. Es ist zu einfach, immer nur von sich selbst auszugehen.

Ich freue mich für jeden und jede, die gut durch die Krise gehen. Wirklich. Jeden einzelnen. Ich freue mich, dass ihr eure Lebensfreude habt, euren Mut, eure Ausgeglichenheit und euer Morgenritual. Ich meine das ganz ernst – es klingt daher überzogen, weil es so weit weg ist von meiner eigenen Weltsicht derzeit.

Und das ist okay so. Es wird wieder anders. Aber ich bin okay so. Mit Unsicherheit und Angst vor dem, was vielleicht eventuell noch kommt.

Ich manage mein Leben und das von Junior. Alles gut. Keiner kommt unter die Räder. Aber es ist anstrengend. Manchmal fühle ich mich um Jahre zurückgeworfen.

Und es macht mich sehr betroffen, dass viele die anderen nicht (mehr) sehen. Denn es gibt sie, die anderen. Die, die es nicht schaffen. Bei denen es um andere Dinge geht, als Humor auf Fuerteventura.

9 Kommentare
  1. Yvonne sagte:

    Liebe Anna,

    ich drück dich und ja, mir geht es genauso. Ich habe Angst vor dem Schulanfang (bei uns Mitte September). Vor weiterem Wechselunterricht, Logdowns und xyz was noch kommen kann. Bei mir drückt sich das in einer Art Lähmung aus. Diese Erkenntnis, dass nur noch schwarz oder weiß gesehen und von der Masse gutgeheißen wird (das war ja schon immer so, aber es fällt mir einfach stärker auf als früher). Wo bleibt die Vielschichtigkeit? Warum kann man andere Meinungen und Standpunkte nicht einfach stehenlassen? Auch mal unkommentiert? Warum muss man gegen alles, was einem widerspricht, mit Totschlagargumenten vorgehen?

    Diese Erkenntnis, dass andere einfach weitermachen können wie bisher oder extra durchstarten (Ich hab das auch gemacht. Aber ich bin davon so erschöpft jetzt, dass ich so unendlich müde bin und irgendwie gar nicht mehr auf die Beine komme, oder wenn, dann nur noch kurz und ständig auf Sparflamme arbeite). Ich gönne es allen, aber ich mag es nicht mehr ständig vor Augen geführt bekommen auf Insta, Facebook und Co.

    Andererseits denk ich mir, man sieht auch da ja meist nur die Fassade. Wer sagt mir, dass diese Leute nicht manchmal genauso erschöpft sind?

    Meine Hoffnung für mich liegt in dem Urlaub, in dem wir gerade sind und noch bis Mittwoch bleiben. So richtig zuversichtlich, dass er nachhaltig hilft, bin ich aber nicht… und ja, das ist eine Momentaufnahme. So fühle ich jetzt. Vielleicht sieht es in ein paar Stunden oder morgen schon wieder ganz anders aus. Du kennst das vielleicht.

    Und zu der Italienerin. Wow. Das find ich richtig herablassend. Und ich hätte so eine Reaktion von diesem Profil auch ehrlich gesagt nicht erwartet.

    Auch jetzt überlege ich wieder, ob ich einfach auf löschen klicke. So geht es mir derzeit oft. Ich schreibe etwas, ganz schön viel Text manchmal, überlege es mir aber im letzten Moment anders und lösche den ganzen Text einfach wieder. Aber diesen schicke ich jetzt ab.

    Deine Yvonne

    Antworten
    • Anna Koschinski sagte:

      Liebe Yvonne,
      du weißt ja: Ich bin immer für schreiben. Schreiben über das, was ist. Und schade, dass du derzeit so viel löschst, denn es ist deine Realität und dein Zustand, den du im Text konservieren könntest. Ich mache das ja auch, oft drüben auf FB, manchmal hier. Ich glaube, dass ich auch darüber mein Gleichgewicht halte. Denn viele Dinge, die ich so runterschlucke, sollten eigentlich raus. Wie mit diesem Text.

      Ich glaube auch nicht, dass dieser Account das so gemeint hat, wie es bei mir ankam. Aber ich habe es als unbedacht und respektlos empfunden – vielleicht kommt es ja an.

      Und zu unserer Situation: Ich weiß, es ist heftig. Und es macht keinen Spaß, es macht müde. Wie ich dich kenne, gibst du jeden Tag dein Bestes. Wir machen das so. Und manchmal reicht es eben nicht für mehr als den Alltag. Das ist okay. Vielleicht schreibst du darüber. Das ist keine Schwäche, es ist kein Scheitern. Es ist unsere Realität.

      Liebe Grüße und danke, dass du den Text abgeschickt hast
      Deine Anna

  2. Natalie sagte:

    Liebe Anna,
    endlich mal ein normaler Artikel in Sachen Angst und auch ein wichtiger. Was mich bei der Angstgeschichte immer stört, ist die negative Seite der Angst. Angst haben ist ja an sich normal und oft tatsächlich positiv. Wenn sie aber ins zerstörerische abgleitet wird es nicht nur für dich selbst problematisch, sondern auch für dein Umfeld.

    Auch stört mich, dass Angst aktuell zur Rechtfertigung für nahezu alles hergenommen wird. Und das kann und darf tatsächlich nicht sein. Denn wenn wir mal so weit sind, dann kann ich auch ohne ersichtlichen Grund jemanden umbringen und hinterher behaupten ich hatte halt Angst. Da müsse man doch Verständnis dafür haben, etc.

    Ich finde das, was du hier tust übrigens besonders wichtig. Sich selbst seine Angst einzugestehen. Dafür braucht es nun mal eine gewisse Selbstreflektion. Tatsache ist auch, dass das nicht alle können. Genau deshalb braucht es bei aller Angst auch ein bisschen Anstand und Respekt.

    Antworten
    • Anna Koschinski sagte:

      Liebe Natalie,
      ich weiß nicht, ob Angst als Legitimation für alles mögliche das ist, was wirklich bedrohlich ist. Für mich sind die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen nur schwer zu ertragen, denn so viele scheinen wirklich nur noch auf sich selbst fokussiert zu sein. Und nach mir die Sintflut. Für mich ist das der Grund, warum alles so langsam geht. Warum die globalen Probleme nicht bearbeitet werden und warum die Pandemie uns so hart trifft. Es wurde in der Krise deutlich, wie allein manche von uns dastehen, wenns hart auf hart kommt. Und das macht Angst und lässt uns vielleicht nicht gerade die Arme öffnen. Dazu braucht es den einen Schritt mehr. Den wollte ich hiermit gehen.

      Danke für deine Gedanken und deinen Zuspruch
      Anna

  3. Jan sagte:

    Hallo Anna,

    in deinem Text sprichst du ein Problem an, das mir im deutschsprachigen Internet seit längeren übel aufstößt: es versuchen viele einem oberlehrerhaft ihre Lebensrealität aufzuzwingen.
    Das fängt mit banalen Dingen an, wie zum Beispiel, wenn du im Jogger-Forum fragst, wo beim Laufen der beste Platz fürs Handy ist und die Hälfte der Leute kommentiert: „zu Hause“.
    Und das geht weiter bis zu dem Punkt, wo man nicht mehr sagen darf, dass man erschöpft ist, weil der Gegenüber mit seinem achso-positiven Mindset sich selbst als Zentrum des Universums sieht und sich nicht mal die Mühe macht, andere Lebensumstände zu anzuerkennen.
    Außer einen lockeren Blockfinger und sich den Frust von der Seele schreiben sehe ich kaum eine Lösung für das Problem.

    Dir trotzdem viel Kraft und Liebe Grüße

    Antworten
    • Anna Koschinski sagte:

      Hallo Jan,

      siehst du, da denke ich anders. Ich habe die Hoffnung, dass diese schnellen Urteile noch einmal überdacht werden, wenn ich offen kommuniziere, was das mit mir macht. Und warum das verletzend und übergriffig ist. Ich habe die Hoffnung, dass Kommunikation da etwas tun kann. Nicht bei allen, klar. Aber doch bei denen, die etwas einfach nur unbedacht aus der Hüfte geschossen losgelassen haben. Ich möchte nicht glauben, dass unsere Gesellschaft nur aus Egoisten besteht. Ich glaube an das Gute und versuche, das weiterzugeben. Nur muss ich immer aufpassen, dass ich nicht selbst verloren gehe unterwegs.

      Danke für deine Worte und liebe Grüße
      Anna

  4. Anne Niesen sagte:

    Ja, liebe Anna, du darfst das sagen, natürlich. Ehrlichkeit ist so wohltuend. Ich glaube ja, dass Unsicherheit den meisten Menschen Angst macht. Dass wir Angst um unsere Liebsten haben in solchen Zeiten. Dass das Gefühl, dass uns Handlungsspielraum und Freiheit abgenommen wird, Angst macht – und müde. Unendlich müde. Angst ist so tabuisiert, dass das Wort oft schon groß gemacht wird und viele sofort an eine alles-lähmende Angst denken, dabei hat auch Angst so viele Facetten. Ich glaube auch, dass der Hype der Morgenrituale ein Ausdruck dieser Ängste ist: Damit holen „wir“ uns eine Art Kontrolle zurück und auch eine Ruhe im Inneren – wenn es klappt und passt.

    Ich glaube auch, dass wir uns so oft fälschlich-gut-gemeinte Tipps geben, weil wir so gerne helfen möchten – und uns durch sie wohlgemeint über andere erheben und sie nicht mehr sehen. (ich schließe mich da durchaus ein)

    Ich bin dafür, dass wir uns alle noch mehr fragen: Wie geht es dir wirklich? – auch (theorethisch) die an der Oberfläche fröhliche Italienerin, in die wir in ängstlichen Zeiten eventuell eine Lebensfreude projezieren, die sie gar nicht fühlt. Ich bin dafür, dass wir es selbstverständlich finden, dass alle Gefühle zum Leben gehören, auch die Angst und die Unsicherheit und die Sorge um unsere Liebsten.

    Ich übe als SEHHELDIN, du weißt es, denn du hast den Anstoß für den Blogartikel gegeben, dass ich meine Ängste wahrnehme und nicht mehr wegdrücke, weil ich weiß: „Jenseits meiner Angst liegt meine Zukunft.“ Ich freue mich über deine Ehrlichkeit und deinen Appell. Ich fühle mit dir und leide darunter, dass ich nichts tun kann für dich. Ich sehe dich, Anne

    Antworten
    • Anna Koschinski sagte:

      Liebe Anne,
      ja, ich denke auch, dass nichts davon böse gemeint ist – zumindest nicht in meiner Bubble. Dass es Strategien sind, die Situation erträglicher zu machen. Aber das macht es in dem Moment nicht einfacher. Der Konflikt entsteht dann dort, wo wir uns unverstanden und nicht gesehen fühlen. Und das sind glaube ich sehr viele Menschen im Moment. Ich halte das für ein Problem. Auch deswegen habe ich diesmal auf dem Blog geschrieben und nicht nur für meine FB-Follower und/oder Freunde. Drüber reden hilft vielleicht

      Ich sehe dich (danke)
      Anna

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