Selbstfürsorge ist nur ein Wort

An jeder Ecke sind sie, die Angebote, die Tipps, die Berichte, wie man ein langes, glückliches Leben führt. Das fängt bei Achtsamkeit an, geht bei Biohacking und Morgenroutine weiter, endet bei Selbstfürsorge. Und dann kommt immer das Bild mit dem Flugzeug. Wenn die Sauerstoffmasken von oben runterfallen, setze ich erst meine eigene auf und danach helfe ich anderen. Klar. Nur lässt sich das so nicht übertragen. Hier meine Ideen zum Thema Selbstfürsorge und warum ich sage: Selbstfürsorge ist nur ein Wort.

Also, wir sind im Flugzeug und die Masken fallen runter. kann jeder nachvollziehen, haben wir alle schon im Film gesehen. Daher ist dieses Bild ja auch so beliebt. Aber die Übertragung funktioniert nicht. Es ist nämlich nicht immer wie im Flugzeug, dass ich nur die Option habe, in welcher Reihenfolge ich etwas tue. Manche Situationen erfordern eine Entscheidung, kein erst dies, dann das. Also wenn ein Auto auf mich und meinen Sohn zurast, dann schubse ich erst ihn weg, bevor ich selbst springe. Wenn meine Mutter im Krankenhaus liegt und Hilfe benötigt, dann ist es egal, ob ich gerade müde bin. Ich werde ihr helfen.

Worum es hier geht, ist die Frequenz, in der ich anderen zuerst helfe. In einer Gefahrensituation entscheide ich nicht wer zuerst, sondern was überhaupt getan werden kann. Wäre nur eine Maske da, wem würdest sie geben? Im Zweifel werde ich als Mutter immer mein Kind retten. Daher ist das Bild vom Flieger scheiße.

Was soll ich nun anfangen mit dem Wort Selbstfürsorge?

Erst einmal ist dieser Begriff komplett leer. Und das ist gut so. Ich kann ihn hören und in meinem mentalen Gedächtnis werden Begriffe aktiviert, die ich in Verbindung bringe damit. Vielleicht sind das Begriffe wie Fürsorge, Amme, Selbstliebe, Selbstakzeptanz, kümmern, Wellness, Genuss, Achtsamkeit, etc. Vielleicht auch konkrete Begriffe. Kaffee, Pause, Badewanne, lachen, Freunde. Das ist bei jedem anders – je nachdem, welche Referenzerlebnisse wir mit dem Begriff verbinden.

Warum nun glauben einige Leute, sie könnten mir Tipps geben, wie ich gut für mich selber sorge? Sie bebildern ihre Tipps, stülpen mir ihre Vorstellungen von Selbstfürsorge über und garnieren das mit der Idee: Nur wenn ich das mache, kann ich ein glückliches und erfülltes Leben führen. Und diese Wunder-Coaches können mir sagen, wie ich das schaffe. Denn: Wenn sie es geschafft haben, dann kann ich das auch!

Äh… ja. Oder halt nicht. Weil es überhaupt nicht meiner Idee dieses Begriffs entspricht. Weil ich gar nicht sein möchte wie die Wundercoaches. Ich will deren Leben nicht. Ich will meins.

Ich will den Begriff selbst füllen.

Wie kann ich mich meiner Idee von Selbstfürsorge nähern?

Selbstfürsorge kann nicht ein warmes Bad sein oder eine Gemüsepfanne. Das sind nette Kleinigkeiten, die ich mir gönnen kann, wenn ich denn Zeit und Geld und Lust habe.

Aber was es wirklich bedeutet, kann ich doch nur entscheiden, wenn ich weiß, was es für mich tun soll. Wenn ich weiß, wer ich bin, was ich brauche, was mich stützt. Und auch das, was mich ablenkt, was mich traurig macht, was mich aufhält.

Ja, natürlich kann es nicht gesund sein, keine Pausen zu machen, von einem To-do ins nächste und dann in den nächsten Termin zu hetzen. Aber das ist doch nicht die Grundlage für ein Rezept.

 

Was ist wirklich wichtig?

 

Das ist für mich der Punkt, an dem ich mich nähern kann. Ist es mein Job, dann ist das Gehetze von To-do zu Termin doch gut. Ist es aber meine Familie, dann brauche ich etwas anderes. Und nein, ich glaube eben nicht, dass Vereinbarkeit möglich ist. Es sind immer nur Entscheidungen möglich.

Nicht DIE EINE große Entscheidung, sondern jeden Tag wieder. Jeden Tag entscheide ich mich, was ich tue. Und was nicht. Es liegt alles bei mir. Meine Verantwortung.

Ich entscheide, ob ich am Nachmittag mit Junior spiele oder noch einen Termin wahrnehme oder einen Text schreibe. Ob ich frisch koche oder ob ich zur Pommesbude gehe. Ich entscheide, ob ich Brot backe oder Toastbrot esse. Und das eine ist nicht schlechter als das andere. Es geht um Frequenz.

Die Sache mit der Frequenz: Grundausrichtung

Wenn ich mich nun jeden Tag für Pommes entscheide, dann habe ich über kurz oder lang ein Problem. Und wenn ich mich jeden Tag für den Job oder für Junior entscheide, ebenso. Wenn ich mich jeden Tag für andere und gegen mich entscheide, dann habe ich auch ein Problem – langfristig.

Was mir hilft, ist eine Grundausrichtung. Wenn ich mich entscheiden muss, wer wichtiger ist, dann ist es immer Junior. Zum Glück aber muss ich diese Entscheidung nicht täglich treffen. Wenn es aber so ist, zögere ich keine Sekunde. Wenn ich mich entscheiden muss, zwischen meinem Job und mir, dann zögere ich genauso wenig. Es sind diese Prioritäten, die mich ganz klar machen.

Menschen, die mich kennen, wissen das. Sie wissen, dass ich immer meine, was ich sage. Wenn ich also etwas sage, dann können sie sich darauf verlassen. Und so mache ich es auch bei mir. Ich verlasse mich auf mich. Auf meine Grundausrichtung. Das ist nämlich mehr als ein Wort.

Klarheit und Sicherheit als Selbstfürsorge

Meine Prioritäten sind klar. Und meine Haltung ist klar. Das wissen meine Kunden, das weiß mein Partner. Ich habe ihm von Anfang an gesagt, dass er niemals die Nummer 1 sein wird. Junior ist wichtiger. Und ich kann nur in dem Rahmen agieren, den ich zur Verfügung habe. Zeit, Energie – ich habe nicht unendlich davon. Ich bin loyal und gebe extrem viel, gleichzeitig nehme ich mich selber ernst. Er ist sich dessen bewusst. Das ist ein großer Gewinn für mich und eine Unterstützung, die mich stärkt.

Ich kommuniziere meine Grenzen. Das kann ich, weil ich mich selbst sehr gut kenne. Ich kann meine Stärken benennen, aber auch meine Schwächen. Das gibt Sicherheit. Und das erspart mir Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen kann. Kommunikation. Das ist für mich Selbstfürsorge.

So kann ich zu jeder Zeit entscheiden, was ich gerade brauche und was nicht. Wenn es eine Pause ist: Cool. Wenn es ein Text ist: Super. Und wenn es backen ist oder aufräumen: Auch gut. Es gibt kein Rezept, das immer wirkt. Ich entscheide jeden Tag neu. Weil ich mich kenne.

Schreiben über sich selbst

Wie bin ich hierher gekommen? Na klar, ich beschäftige mich seit Jahren mit Persönlichkeitsentwicklung. Und ja, ich verschlinge auch Tipps dazu. Aber: Ich teste Dinge, probiere aus, verwerfe sie wieder.

Was bleibt, ist das Schreiben. Ich schreibe über mich. Über mein Leben. Über meine Werte und über meine Haltung. Ich schreibe über das, was mir wichtig ist und ich spreche mit Menschen über diese Dinge. Kommunikation.

Im Schreiben entsteht Klarheit. Denn ich muss Worte finden, die meine Gedanken und Gefühle stimmig präsentieren. Damit andere zuhören können. Mir beim Denken zuhören. Indem ich diese Worte finde, werden sie für mich auch klar.

Und indem ich mein Leben betrachte in all seinen Facetten, verstehe ich, was wirklich wichtig ist: Ich verbiege mich nicht mehr. Nie mehr. Und ich werde immer versuchen, meine Idee von Welt zu erklären, wenn es Missverständnisse gibt. Andere Meinungen sind mir willkommen, solange ein respektvoller Umgang besteht.

Aber eins werde ich sicher nicht tun: Über Worte und ihre Bedeutung diskutieren. Denn Selbstfürsorge ist nur ein Wort. Finden wir heraus, was es für uns bedeutet, kann gutes Leben entstehen. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

 

Wie füllst du den Begriff der Selbstfürsorge?

   
3 Kommentare
  1. Edith Leistner sagte:

    Liebe Anna,
    für mich ist es immer wieder eine gute Erinnerung, dass ein Wort immer nur ein Wort bleibt. Wie schön du es in Worte fasst, dass eben jeder selbst dafür verantwortlich ist wie er es füllt. Und Worte haben Macht. Deshalb ist es um so wichtiger für uns als Schreiberlinge, wie wir die Worte nutzen. Vielen Dank, dass ich bei dir das „Schreib-Handwerk“ lernen kann.
    Liebe Grüße
    Edith

    Antworten
    • Anna Koschinski sagte:

      Liebe Edith,
      ja genau, ein Wort ist erstmal nur Wort. Natürlich gibt es Lexika und Wörterbücher, die uns eine oder mehrere Definitionen anbieten, aber wir selbst füllen unser mentales Lexikon mit Bedeutungen, die wir für richtig und merkenswert erachten. Daher ist meine Idee von Bedeutung auch nie „richtig“, aber eben auch nie falsch. Und was ich mit einem Begriff verbinde, hängt mit all meinen Erlebnissen, Erfahrungen und dem Gelernten zusammen, das ich abgespeichert habe. Auch Gefühle. Es ist alles verknüpft. Und daher ist jedes Feedback nur Wahrnehmung. Nichts Verletzendes. Nur interessant.
      Liebe Grüße
      Anna

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